Presseaussendungen

 

Note Nr. 158
24. September 2001

GEMEINSAM GEGEN DEN TERRORISMUS

von Kofi A. Annan

NEW YORK, 21. September (UNO-Hauptquartier) -- Die Anschläge der Terroristen vom 11. September galten den Vereinigten Staaten, doch sie trafen die gesamte Welt. Selten, wenn überhaupt je, fand sich die Welt so einig wie an diesem Schreckenstag. Diese Einigkeit war aus dem Entsetzen geboren, aus Furcht, Empörung und aus tiefem Mitgefühl mit dem Volk der Vereinigten Staaten. Sie war auch aus dem Umstand geboren, dass unter dem Dach des World Trade Center Männer und Frauen aller Glaubensrichtungen und Staatsangehörige von mehr als 60 Nationen arbeiteten. So waren die Anschläge wahrhaftig ein Angriff gegen die gesamte Menschheit, und es ist im Interesse der gesamten Menschheit, die Kräfte zu besiegen, die dahinter stehen.

Die am 11. September gezeigte Einigkeit wird jetzt, wo die Vereinigten Staaten darüber entscheiden, welche Maßnahmen sie zur Verteidigung ihrer Bürger ergreifen werden, und wo sich die Welt mit den globalen Auswirkungen dieser Katastrophe auseinandersetzt, beschworen und auf die Probe gestellt werden. Ich habe Präsident Bush und Bürgermeister Giuliani, ebenso wie die New Yorker bei Gottesdiensten und Andachten in Kirchen, Synagogen und Moscheen, in dieser Stunde der Trauer der uneingeschränkten Solidarität der Vereinten Nationen mit den Vereinigten Staaten und ihrem Volk versichert. Weniger als 48 Stunden nach den Geschehnissen verurteilten der Sicherheitsrat und die Generalversammlung ebenso wie ich die Anschläge und stimmten dafür, Maßnahmen gegen die Verantwortlichen und gegen die Staaten, die ihnen helfen, sie unterstützen oder ihnen Unterschlupf gewähren, mit zu tragen. Niemand sollte diese Solidarität bezweifeln.

Niemand sollte auch daran zweifeln, dass die Welt entschlossen ist, die Geißel des Terrorismus so lange zu bekämpfen, wie dies notwendig ist. Die beredteste globale Antwort auf die Anschläge der letzten Woche war die Zusage der Staaten aller Religionen und jeder Weltregion, hart gegen den Terrorismus vorzugehen. Zu einem Zeitpunkt wie diesem definiert sich die Welt nicht nur dadurch, wofür sie ist, sondern auch dadurch, wogegen und gegen wen sie ist. Die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft müssen den Mut haben zu erkennen, dass es ebenso wie gemeinsame Ziele auch gemeinsame Feinde gibt. Um diese zu besiegen, brauchen wir einen Schulterschluss aller Nationen guten Willens in einer gemeinsamen Anstrengung, die alle Aspekte des offenen und freien Weltsystems erfasst, das die Verantwortlichen für die Greueltaten der letzten Woche so hinterhältig ausgenutzt haben. Die Vereinten Nationen sind wie keine andere Institution in der Lage, diese Anstrengungen zu unterstützen. Sie bieten das notwendige Forum zur Bildung einer weltweiten Koalition und können der langfristigen Antwort auf den Terrorismus weltweite Legitimität verleihen. Die Übereinkommen der Vereinten Nationen bieten schon jetzt einen rechtlichen Rahmen für viele der Maßnahmen, die zur Beseitigung des Terrorismus ergriffen werden müssen – einschließlich der Auslieferung und Strafverfolgung der Täter und der Bekämpfung der Geldwäsche. Diese Übereinkommen müssen ohne Abstriche durchgeführt werden.

Es ist indessen unerlässlich, dass diese Maßnahmen die weltweite Einigkeit des 11. September noch verstärken und sie nicht untergraben. So wie die Welt erkennen muss, dass es gemeinsame Feinde jeder Gesellschaft gibt, muss sie gleichzeitig auch verstehen, dass sich diese Feinde nicht – niemals – nach ihren religiösen Überzeugungen oder ihrer nationalen Herkunft definieren lassen. Kein Volk, keine Weltregion und keine Religion darf verurteilt, angegriffen oder zum Ziel irgendwelcher Aktionen gemacht werden, weil bestimmte Einzelpersonen unsägliche Verbrechen begangen haben. Genau dies ist es nämlich laut Bürgermeister Giuliani, wogegen wir kämpfen. Er und Präsident Bush haben bewundernswerte Führungsqualitäten bewiesen, als sie die Übergriffe gegen Muslime in den Vereinigten Staaten verurteilten, und andere Führungspersönlichkeiten auf der ganzen Welt haben sich ihnen angeschlossen. Dies nicht zu tun und damit zuzulassen, dass sich Spaltungen innerhalb und zwischen Gesellschaften im Gefolge dieser Taten noch verschärfen, hieße, den Terroristen ihre Arbeit abzunehmen, und das kann wohl niemand im Sinn haben.

Der Terrorismus bedroht heute jede Gesellschaft und jedes Volk, und während die Welt gegen die Täter vorgeht, werden wir alle daran gemahnt, dass wir all den Bedingungen, die diese Art von Hass und Verderbtheit wachsen lassen, jedweden Nährboden entziehen müssen. Wir müssen noch entschlossener gegen Gewalt, Bigotterie und Hass ankämpfen. Die Arbeit der Vereinten Nationen und der Kampf gegen die Übel unserer Zeit – Konflikte, Ignoranz, Armut und Krankheit – müssen weitergehen. Nicht alle Quellen des Hasses werden dadurch versiegen, und nicht jede Gewalttat wird dadurch vermieden werden können, weil es immer Menschen geben wird, die hassen und töten, auch wenn jede Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft ist. Doch wenn die Welt zeigen kann, dass sie weiter funktioniert, dass wir beharrlich weiter daran arbeiten werden, eine stärkere, gerechtere, wohlwollendere und wahrhaft internationale Gemeinschaft über alle Grenzen der Religion und der Rassen hinweg zu schaffen, dann ist der Terrorismus gescheitert.

Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.