Presseaussendungen


Note Nr. 167
9. November 2001

ANSPRACHE DES GENERALSEKRETÄRS
AN DIE GENERALVERSAMMLUNG

NEW YORK, 10. NOVEMBER

Herr Präsident,
Exzellenzen,
Meine Damen und Herren

Ich heisse alle, die für die Generaldebatte nach New York gekommen sind, herzlich willkommen - und besonders den Präsidenten unseres Gastlandes.

Wir treffen einander fast sieben Wochen später als beabsichtigt, und wir alle wissen warum.

Keine Worte können unsere Abscheu und Sorge über den sinnlosen Verlust von Menschenleben am 11. September ausdrücken. Wir teilen den Schmerz und die Trauer unseres Gastlandes und unserer Gaststadt. Wie sie sind wir entschlossen, die Kräfte, die uns diese Prüfung auferlegt haben, zu überwinden. Die Vereinten Nationen sind in der Tat "das unentbehrliche geimeinsame Haus der gesamten Menschheit", wie unsere Staats- und Regierungschefs letztes Jahr erklärt hatten. Und selten wurde die Notwendigkeit dafür so weitreichend verstanden.

Wenn eine Familie attackiert wird, versammeln sich ihre Mitglieder im gemeinsamen Haus, um zu entscheiden, was zu tun ist.

Exzellenzen,

Vom ersten Tag nach der Tragödie an, während Sie in ihren eigenen Ländern und Regionen handelten, agierten Ihre Vertreter hier - zuerst durch den Audruck der Verurteilung und Entschlossenheit, um dann im Detail daran zu arbeiten, wie die Welt sich davor schützen kann.

Die Vereinten Nationen haben alles getan, um der notleidenden Bevölkerung Afghanistans Erleichterung zu bringen und Übereinstimmung für eine fundierte Regierung zu erzielen. Man ist versucht zu sagen, dass wir nun all unsere Energie auf den Kampf gegen den Terrorismus und die damit verbundenen Themen richten müssen. Wenn wir das schon getan hätten, wäre das eine Art Sieg für die Terroristen.

Lassen Sie uns daran erinnern, dass keines der Themen, mit denen wir uns am 10. September beschäftigt haben, weniger dringend geworden ist.

Die Zahl jener Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben, ist nicht gesunken.

Die Zahlen jener, die an AIDS, Malaria, Tuberkulose und anderen vorbeugbaren Krankheiten sterben, sind nicht gesunken. Die Faktoren, die für ein Fortschreiten der Wüsten, verlorengegangene Artenvielfalt und die Erwärmung der Erdatmosphäre verantworlich sind, sind nicht weniger geworden. Und in vielen Teilen der Welt, die von der Geißel des Krieges heimgesucht wurden, haben die Morde oder Verstümmelungen, Verschleppungen und Vertreibungen von unschuldigen Menschen nicht aufgehört.

Kurz, meine Freunde, die Agenda für Frieden, Entwicklung und Menschenrechte, die in der Milleniums-Deklaration festgelegt sind, sind nicht weniger dringlich. Wenn, dann haben sie eine neue Dringlichkeit bekommen. Selten wurde die Gefahr der Spaltung innerhalb der Menschheit und die Notwendigkeit, dieser Gefahr zu widerstehen, besser verstanden. Wir sehen zwei möglichen Zunkunfts-Szenarien entgegen: ein gegenseitig zerstörerischer Zusammenprall zwischen sogenannten "Zivilisationen" aufgrund von übertriebenen religiösen und kulturellen Unterschieden; oder eine globale Gemeinschaft, die die Vielfältigkeit respektiert und in universellen Werten verwurzelt ist.

Unsere Wahl muss das letztere sein - wir können es aber nur erreichen, wenn wir den Milliarden, die in Armut, Konflikten und Krankheiten gefangen sind, Hoffnung bringen. Deshalb ist die zur Zeit tagende Konferenz der Welthandels-Organisation so wichtig. Niemals war ein Übereinkommen zwischen reichen und armen Nationen über die Regeln des internationalen Handelssystems von so entscheidender Notwendigkeit. Aber das, was die Mitgliedstaaten aus dieser Organisationen machen, wird in den kommenden Jahren noch wichtiger sein.

Lassen Sie mich einige grundlegende Prinzipien in Erinnerung rufen, von denen, so glaube ich, all unsere Arbeit geleitet werden muss:

Erstens, die Vereinten Nationen müssen immer für Rechtsstaatlichkeit stehen, in internationalen und in inneren Angelegenheiten.

Zweitens, wir müssen unsere multilateralen Einrichtungen und Handlungsweisen schätzen und vollständig nützen.

Drittens, die Vereinten Nationen müssen die Menschen voll ins Zentrum des Geschehens führen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Bedürfnisse zu decken und ihr volles Potential zu erkennen.

Das kann nur in einer Welt von gleichwertigen, verantwortungsvollen Staaten erreicht werden, die die Souveränität als Mittel zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer Menschen nützen und deren Rechte aufrechterhalten und nicht missachten.

Viertens, alle Akteure im internationalen System müssen für das Erreichen gemeinsamer Ziele zusammenarbeiten. Die Vereinten Nationen sollten sich auf jene Gebiete konzentrieren, wo sie einen vergleichsweisen Vorteil haben. Wo andere größere Erfahrungen und Ressourcen besitzen, müssen sie danach trachten, diese den gemeinsamen Bedürfnissen der Menschheit zukommen zu lassen. Mit anderen Worten, soviele Partner wie möglich einbeziehen.

Schließlich, was die Vereinten Nationen tun, müssen sie gut machen. Wir müssen weiterhin unsere Fähigkeit verbessern, all unseren Mitgliedern die Leistungen, die sie erwarten, zu bringen und die Prioritäten die Sie gesetzt haben, zu erfüllen.

Lassen sie mich nun vier heisse Themen erwähnen, bei denen unsere Leistung entscheidend sein wird:

Erstens, die Ausrottung der extremen Armut.

In der Milleniums-Deklaration beschlossen die Staats- und Regierungschefs, bis zum Jahr 2015 den Anteil der Weltbevölkerung, deren Einkommen weniger as ein Dollar pro Tag beträgt, die hungern, und die kein sauberes Trinkwasser haben, zu halbieren.

Dieses Ziel zu erreichen, bleibt geteilte Verantwortung. Vieles muß von den Entwicklungsländern getan werden. Aber um den Punkt zu erreichen, wo sie wirklich von den Marktmöglichkeiten profitieren können, brauchen sie großzügige Hilfe von den entwickelten Ländern. Ich werde mein möglichstes tun, damit dieses fundamentale Thema angesprochen wird.

Zweitens, ich werde mein Engagement im Kampf gegen HIV/AIDS intensivieren - wie es unsere Staats- und Regierungschefs gelobt haben, dessen Verbreitung bis 2015 zu stoppen und zu verringern.

Um die Hoffnung auf Einhaltung dieses Versprechens zu wahren, müssen wir dem in den kommenden Jahren Vorrang geben.

Drittens werde ich auf die Verhinderung von tödlichen Konflikten mehr Gewicht legen.

Wir dürfen nicht passiv warten, bis Krisen ausbrechen, sondern müssen die Ursachen für politische Gewalt bei den Wurzeln angehen. Wir brauchen Regierungssysteme, die freie Äusserungen und soziale Gerechtigkeit fördern, während sie bürgerliche Freiheiten und Minderheitenrechte schützen. Und wir müssen die große Ungleichheit der Möglichkeiten angreifen, die die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt so tief spaltet und manchmal sogar in verschiedenen Teilen eines Landes.

Viertens, nehme ich das in der Milleniums-Deklaration gegebene Versprechen sehr ernst, unseren Kindern und Kindeskindern die Bedrohung, auf einem Planeten leben zu müssen, der hoffnungslos durch menschliche Aktivitäten verdorben ist, zu ersparen, und dessen Ressourcen nicht mehr länger für ihre Bedürfnisse ausreichen. Wir müssen das Thema der Nachhaltigkeit dort plazieren, wo es hingehört, nämlich ins Zentrum des Entscheidungsprozesses.

Der gemeinsame Faden, der all diese Themen verbindet, ist die Notwendigkeit, fundamentale Menschenrechte zu respektieren; und Afrika ist die Region, wo es die größte Herausforderung dazu gibt.

Ich bin bestrebt, Menschenrechte noch mehr in alle Aspekte unserer Arbeit zu integieren.

Und, bezüglich meines Aufrufs in der Milleniums-Deklaration beabsichtige ich zu versichern, dass die Vereinten Nationen voll die Prioritäten, die die afrikanischen Führer in der Neuen Partnerschaft für afrikanische Entwicklung selbst gesetzt hatten, unterstützen werden.

Zwangsläufig werden wir all diese Themen innerhalb der nächsten fünf Jahre behandeln, tagein, tagaus. Aber ich möchte ihre Aufmerksamkeit auf zwei Erreignisse im nächsten Jahr lenken: die Konferenz über die Finanzierung der Entwicklung im März und den Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung im September.

Diese Tagungen können, wenn sie sorgfältig vorbereitet und durchgeführt werden, einen wirklichen Wendepunkt in unserem Kampf für die Ausrottung der Armut und die Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung bringen. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um deren Erfolg zu versichern.

Und nun lassen sie mich zum letzten meiner fundamentalen Prinzipien zurückkommen: das Prinzip, daß das, was die Organisation macht, gut sein muß.

Während meiner ersten Amtszeit habe ich mit Ihnen für die Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Koordination des Sekretariats gearbeitet und um der UN-Familie größeren Zusammenhalt zu bringen.

Haben wir etwas erreicht? Ja, wir haben.

Unsere Organisation ist besser und effizienter als vor fünf Jahren. Und ihre finanzielle Situation hat sich verbessert - Dank der vollen Beitragszahlung vieler Mitgliedstaaten und erheblicher Rückstandsbegleichungen einiger Länder. In Zukunft wollen wir auf festen finanziellen Füßen stehen.

Aber waren wir schon erfolgreich bei der Erbringung der nötigen Mittel für die Menschen der Welt? Nein, waren wir nicht.

Wir müssen uns zusammensetzen und die Art unserer Arbeit überdenken, und ob unser System für seine Aufgaben ausreichend ist. Zum Beispiel, ob wir wirklich unsere Ressourcen und Energien für die Prioritäten verwenden, die Sie uns gegeben haben? Wie kann der Beitrag der bürgerlichen Gesellschaft - einschließlich dem privaten Sektor - besser organisiert werden? Wie können die Vereinten Nationen in jedem Land, in dem sie arbeiten, als einzelne Einheit effizienter funktionieren? Und wie können wir sichern, dass wir nicht nur die besten Arbeitskräfte anziehen, sondern diese auf allen Ebenen auch ermutigt werden, schöpferisch zu denken und zu handeln?

Herr Präsident,

Dies scheint prosaisch zu sein, um zu enden. Aber die Weltbevölkerung wird uns nach unserer Fähigkeit, bestimmte Aufgaben zu erfüllen, beurteilen. Nicht nach den überwältigenden Reden, die wir halten, oder der Zahl der Entscheidungen, die wir treffen, sondern nach der Qualität dieser Entscheidungen und der Leistungen, die wir bringen. Für alle jene, die wir hoffen zu retten - ob vor Terrorismus, Krieg, Armut, Krankheiten oder Umweltverschlechterung - wollen wir beschließen, daß nur das Beste gut genug ist. Und mögen wir uns so rüsten, daß wir in der Zukunft unser Bestes geben.

Vielen Dank.

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