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Hintergrundinformation

UNIS/NAR/832
27. Februar 2004

Suchtstoffkontrollrat analysiert in seinem Jahresbericht die Verbindung zwischen Drogenmissbrauch, Kriminalität und Gewalt auf lokaler Ebene

WIEN, 27. Februar (UNO-Informationsdienst) -- Die Auswirkungen des Drogenmissbrauchs auf Kriminalität und Gewalt in Städten und Gemeinden sind Schwerpunktthema des ersten Kapitels des am 3. März 2004 in Wien veröffentlichten Jahresberichts des Internationalen Suchtstoffkontrollrates (INCB).

Während die internationale Gemeinschaft seit einiger Zeit die politischen und sicherheitsrelevanten Auswirkungen transnationaler organisierter Drogenhändlersyndikate im Weltmaßstab anerkennt, appelliert der in Wien angesiedelte  Kontrollrat in seinem jüngsten Bericht eindringlich an die Regierungen, dem illegalen Handel auf kommunaler Ebene -- dem Drogenmissbrauch und der damit einhergehenden Kriminalität in den Städten und Gemeinden -- besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

"Auf dieser Ebene geht Drogenmissbrauch oft mit asozialem Verhalten wie kleineren Gesetzesverstößen, Verbrechen und Gewalttätigkeit einher und hat negative Auswirkungen auf den Einzelnen, die Familie, die Nachbarschaft und die Gemeinden, mit denen sich die internationale Gemeinschaft und die einzelnen Regierungen auseinandersetzen müssen", unterstreicht INCB-Präsident Philip O. Emafo.

Während der Rat feststellt, dass die meisten mit Drogenmissbrauch verbundenen Straftaten gewaltlos ablaufen und kleinere Vergehen sind, verweist er gleichzeitig auf die äußerst negativen Auswirkungen, die illegale Drogen, Kriminalität und Gewalt auf der niedrigsten sozialen Stufe einer örtlichen Gemeinde haben.

"Drogenbedingte Kriminalität in den Gemeinden kann eine Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern. Gemeinden, in denen unverhältnismäßig viele drogenbedingte Gewalttaten verübt werden, haben in der Regel auch eine höhere Rate an anderen Verbrechen, wodurch die Zivilgesellschaft Schaden nimmt", erklärt der Drogenkontrollrat in seinem Jahresbericht.

Die Wechselwirkungen zwischen Gewalt und Drogenmissbrauch sind äußerst komplex und müssen unter Berücksichtigung zahlreicher Faktoren untersucht werden. Laut dem Bericht besteht zwischen Drogenmissbrauch einerseits und Gewalt und Kriminalität andererseits insofern ein Zusammenhang, da manche Drogenabhängige entweder zur Finanzierung ihrer Sucht oder unter dem psycho-pharmakologischen Einfluss bestimmter illegaler Drogen Gewalttaten begehen. Dennoch betont der INCB, dass es aufgrund kontrollierter Laborversuche schwierig, ja irreführend wäre, auf einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Gewalt und der Einnahme von Suchtstoffen zu schließen. Dieser Zusammenhang muss unter Berücksichtigung kultureller und sozialer Faktoren untersucht werden, die ihrerseits das Verhalten des Menschen beeinflussen.

Der INCB fordert die Regierungen auf, umfassende Konzepte zur Verringerung der Nachfrage umzusetzen und der Prävention von Drogenmissbrauch in Verbindung mit verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und Strafverfolgungsmaßnahmen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dazu gehören die Schaffung eines örtlichen Umfeldes, das den illegalen Drogenhandel im großen und kleinen Ausmaß nicht begünstigt, die Unterstützung lokaler Bemühungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen und legalen Einkommensquellen, Bildungsprogramme für soziale Randgruppen sowie  integrierte und gezielte Interventionsarbeit mit Risikogruppen. Der Rat weist außerdem darauf hin, dass die Programme auf längere Sicht angelegt sein müssen, um den gewünschten Erfolg zu erzielen.

Schadensminderungmassnahmen

Schadensminderungsmaßnahmen wurden vom Rat schon früher angesprochen. In seinem aktuellen Jahresbericht "appelliert der INCB an all jene Regierungen, die beabsichtigen, "Schadensminderungsmaßnahmen" in ihre Strategie zur Nachfrageverringerung aufzunehmen, die Gesamtfolgen solcher Maßnahmen sorgfältig zu analysieren. Aktivitäten dieser Art können sich für den Einzelnen oder für eine örtliche Gemeinde positiv auswirken, jedoch gleichzeitig weit reichende negative Folgen auf nationaler und internationaler Ebene nach sich ziehen."

Als Reaktion auf spezielle Schadensminderungsmaßnahmen wie die Einrichtung oder den Betrieb von Drogeninjektsionsräumen weist der Rat darauf hin, dass "der Betrieb derartiger Einrichtungen nach wie vor Anlass zu großer Besorgnis gibt" und erklärt erneut, dass "diese Einrichtungen einen Verstoß gegen die Bestimmungen der internationalen Drogenkontrollabkommen darstellen."

Internethandel

Der Bericht macht auch darauf aufmerksam, dass der Internethandel mit Medikamenten, die der internationalen Kontrolle unterliegende Substanzen enthalten, zunimmt. Internet-Apotheken, die von einem beliebigen Ort der Welt aus Handel betreiben können, spielen eine wichtige Rolle beim ständig steigenden illegalen Angebot an Medikamenten, die Suchtstoffe und psychotrope Substanzen enthalten. Illegal betriebene Internet-Apotheken verlangen keine ärztliche Verschreibung oder bieten lediglich Online- oder Telefonberatung an.

Der Rat appelliert an die Regierungen, in ihrer oft ungleichen und lockeren Gesetzgebung bezüglich des Internets eine aktivere Rolle zu übernehmen. Um rechtlich vorgehen zu können, sollten Regierungen sicherstellen, dass der Internethandel mit verbotenen Substanzen und der Vertrieb von pharmazeutischen Produkten, die Suchtstoffe oder psychotrope Substanzen enthalten, als strafbare Handlungen angesehen werden.

In seinem Bericht weist der Rat auch darauf hin, dass eine der Hauptursachen für dieses riskante Verhalten in der leider weit verbreiteten Meinung liegt, dass der zweckwidrige Gebrauch oder Missbrauch pharmazeutischer Produkte weniger schädlich sei als der Konsum illegal hergestellter Drogen. Auch stellt der Rat mit Sorge fest, dass die Gerichte vieler Länder die Abzweigung und den illegalen Handel mit legal hergestellten kontrollierten Substanzen noch immer nicht mit der angemessenen Härte ahnden.

Unzureichende Versorgung mit Schmerzmitteln

Um seiner Aufgabe bei der Überwachung und Sicherstellung einer angemessenen Versorgung mit Narkotika für medizinische Zwecke gerecht zu werden, registriert der INCB, dass die Verfügbarkeit und der Verbrauch einiger grundlegender medizinischer Drogen in vielen Ländern der Welt extrem niedrig ist. Dies betrifft insbesondere Opioide, die zur Schmerzbehandlung, unter anderem auch zur Schmerzlinderung, eingesetzt werden.

Der Rat hat festgestellt, dass für die begrenzte Verfügbarkeit bestimmter Arten von Medikamenten mindestens drei Faktoren verantwortlich sind. Erstens behindern in einigen Ländern unnötig strenge Regeln und Vorschriften den Zugang der Bevölkerung zu bestimmten, der Kontrolle unterliegenden Drogen. Zweitens erschwert die unter medizinischem Personal und Patienten herrschende negative Einstellung zu kontrollierten Drogen deren sinnvolle Verwendung. Drittens fehlt es oft an den nötigen Mitteln und Ressourcen im Gesundheitswesen, wodurch eine adäquate Behandlung, die auch den Einsatz medizinischer Drogen einschließt, oft nicht möglich ist.

Die heutige Weltproduktion ist so groß, dass sie eine erheblich größere Nachfrage der Weltbevölkerung nach Narkotika decken kann. Der Rat ermutigt die Herstellerländer, gemeinsam mit der pharmazeutischen Industrie zu prüfen, was unternommen werden kann, damit Suchtstoffe für die Schmerztherapie, vor allem Opioide, für Länder mit beschränkten Mitteln und geringem Verbrauch billiger werden.

Kontrolle chemischer Stoffe

In seinem Bericht fordert der INCB alle betroffenen Regierungen auf, gemeinsam gegen das Problem des Missbrauchs amphetaminartiger Stimulanzien (ATS) vorzugehen und zu diesem Zweck am "Project Prism" mitzuarbeiten -- ein weltweites Programm zur Verhinderung der Umleitung von Vorläufersubstanzen, die Drogenhändler zur illegalen Herstellung von ATS benötigen. Das "Project Prism" stattet die Regierungen mit den nötigen Kapazitäten aus, um das Problem ATS erfolgreich zu bekämpfen. Dazu verfolgt es zwei Strategien: Um die illegale Herstellung der Drogen zu unterbinden, sollen die illegalen Händler daran gehindert werden, an die nötigen Chemikalien zu gelangen. Andererseits sollen bereits tätige Labors durch verschiedene Ermittlungsmethoden wie etwa überwachte Lieferungen identifiziert und ausgehoben werden.

Im Januar 2003 begannen die ersten regionalen Aktionen im Rahmen des Projekts, im wesentlichen durch Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden, um in Europa Vorläufersubstanzen für Amphetamin und Ecstasy und in Amerika für Methamphetamin aus dem Verkehr zu ziehen, die Herkunft der Chemikalien zu ermitteln und die für die Abzweigung Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.

Diese Aktivitäten ergänzen die existierenden Rückverfolgungsprogramme, die vom INCB vor einem Jahrzehnt eingeführt wurden, um die Entwendung von Methamphetamin-Vorläufern aus dem legalen internationalen Handel zu verhindern. Das Projekt "Prism" folgt der "Operation Purple" 2001 und der "Operation Topaz" im Jahr 2002, die sich auf die Überwachung der chemischen Zwischenprodukte von Kokain und Heroin konzentrierten.

Regionale Schwerpunkte

Trotz der bewaffneten Intervention und des politischen Umbruchs in Afghanistan und des Kampfes gegen den Terrorismus, nahmen sowohl der illegale Anbau als auch der illegale Handel mit Opiaten zu, wodurch die politische Instabilität weiter verschärft werden könnte. 2003 wurde in Afghanistan in noch größerem Ausmaß Opium angebaut.

Nach Rekordernten in den letzten zwei Jahren in Afghanistan muss mit einem weiteren Anstieg des illegalen Heroinhandels auf der Balkanroute und durch Osteuropa gerechnet werden -- was auch eine Umkehr des rückläufigen Trends beim Heroinmissbrauch in Westeuropa bewirken könnte.

Die Ausweitung des Anbaus und Missbrauchs von Cannabis in Europa bei gleichzeitiger Lockerung der Kontrollen könnte die erforderlichen Bemühungen zur Vernichtung illegaler Kulturen und zur Bekämpfung des illegalen Handels in Europa und anderswo in der Welt zunichte machen.

Informationen aus krisengeschüttelten Ländern, insbesondere der Zentralafrikanischen Republik, Côte d'Ivoire und Liberia, lassen darauf schließen, dass die von Rebellengruppen und kriminellen Organisationen eingesetzten Waffen und Munition möglicherweise zum Teil mit Erlösen aus dem illegalen Drogenhandel finanziert wurden.

Die vermehrte Konzentration auf die politische Gefahr, die vom Drogenproblem ausgeht, veranlasste viele südamerikanische Regierungen, einen stetig wachsenden Anteil ihrer limitierten Mittel zur Verringerung des Drogennachschubs einzusetzen, indem sie etwa illegale Anbauflächen vernichteten, den Drogenhandel untersagten und Maßnahmen gegen die Geldwäsche ergriffen.

Der Missbrauch rezeptpflichtiger Drogen in den Vereinigten Staaten setzt sich fort und wird durch den rechtswidrigen Verkauf von Suchtstoffen und psychotropen Substanzen durch Internet-Apotheken aus dem In- und Ausland weiter verschärft. Zwischen 1995 und 2002 stieg die Zahl der Notfälle in Krankenhäusern durch missbräuchliche Einnahme suchtfördernder Analgetika um 163 Prozent.

Zusätzliche Informationen:

INCB
UNIS

Tel. (+43-1) 26060-4163
 Tel. (+43-1) 26060-4666
Web Adresse: www.incb.org
 Web Adresse: www.unis.unvienna.org

(Der Bericht und die Pressemappe stehen ab 3. März 2004, 00.01GMT zur Veröffentlichung bereit.)