Presseaussendungen

UNIS/INF/94
8. August 2005

Übergang von humanitärer Nothilfe zu systematischer Entwicklung

WIEN, 8. August (UNO-Informationsdienst) -- In den vergangenen Jahren haben große Konflikte (Afghanistan, Irak, Darfur, die Demokratische Republik Kongo) und Katastrophen (Seebeben im Indischen Ozean, Heuschreckenplage, Epidemien, Dürre) die Möglichkeiten der Vereinten Nationen zu humanitärer Hilfe bis zum Äußersten auf die Probe gestellt. Der konsolidierte humanitäre Appell für 2005 stellt fest, dass 26 Millionen Menschen in 20 Krisengebieten weltweit US$ 4,5 Milliarden an humanitärer Hilfe benötigen.

Diese Ereignisse haben jedenfalls gezeigt, dass die humanitäre Gemeinschaft grundsätzlich in der Lage ist, umfangreiche Maßnahmen einzuleiten. Die Vereinten Nationen können Katastrophen nicht aufhalten, aber ihre Auswirkungen mildern. Das Eingreifen der Vereinten Nationen bewies ihre Befähigung und Effizienz, sowohl nach Konflikt- und Friedenssicherungseinsätzen, als auch bei humanitären Bemühungen. Die weltweite Anzahl an Flüchtlingen ist die niedrigste seit 1980 und die Aussicht auf Frieden hat sich in vielen Ländern,  speziell in Afrika, verbessert. Johan Verbeke, Vizepräsident des UNO Wirtschafts- und Sozialrates (ECOSOC) erklärte, dass als Folge des Tsunami, der mehr als 240.000 Menschenleben kostete, und auf mehr als 158 Millionen Menschen im Dezember 2004 schwere Auswirkungen hatte, eine nie dagewesene Solidarität, Großzügigkeit, Unterstützung und weltweite Zusammenarbeit unter den Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft herrschte. Jan Egeland, Untergeneralsekretär der UNO für humanitäre Angelegenheiten meinte auch, dass der Tsunami Natur in ihrer schrecklichsten Form, Humanität jedoch in ihrer besten Form zeigte. “Es sind keine Krankheiten ausgebrochen, keine Hungersnöte; Schulen wurden schnell wieder geöffnet und Gesundheitseinrichtungen sind heute in den betroffenen Gebieten vielleicht sogar wirksamer als zuvor. “

Es wurde auch ebenso offensichtlich, dass die Qualität solcher Hilfsmaßnahmen nicht immer garantiert werden kann, und dass es Fälle gibt, in denen die Kapazitäten für Sofortmaßnahmen hätten verstärkt werden können, und bei denen das System der humanitären Hilfe erfolglos war. Der Einsatz von humanitärem Personal in Darfur erfolgte verspätet, und auch die Tsunami-Hilfe zeigte einige Schwächen in Bezug auf Wasser- und Sanitäranlagen, Unterkünfte, Lager-Management und Schutzvorkehrungen. Die Koordination innerhalb der NGOs sowie zwischen NGOs und den Vereinten Nationen, speziell im Gesundheitssektor, war dürftig. Diese und andere Fehler zeigten auch das Erfordernis, das System auf die regionalen und nationalen Möglichkeiten abzustimmen. Lokale Bereitschaft zu bilden, ist der Schlüssel zu besserer Hilfeleistung. Regionale und lokale Akteure, die oft am effizientesten die Situation einschätzen und Sofortmaßnahmen koordinieren können, sollten dafür gewonnen, und ihre Möglichkeiten verstärkt werden. Nicht nur ihre Teilnahme, sondern auch ihre bestmögliche Vorbereitung auf den Notfall zählen zu  den wichtigsten vorbeugenden Faktoren, weitere Risiken und Schäden niedrig zu halten.

In Bezug auf das Tsunami-Frühwarnsystem im Indischen Ozean sagte Patricio Bernal, Chef der Zwischenstaatlichen Ozeanografischen Kommission (IOC), eines wissenschaftlichen Gremiums der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO): „Sie können das beste und technisch ausgefeilteste Frühwarnsystem und die beste Risikoabschätzung haben, aber wenn sie keine dazu passenden Notfall- und Evakuierungsvorkehrungen haben, sind sie verloren.“ Um Katastrophen wie den Tsunami vom 26. Dezember 2004, wo weder ein Frühwarnsystem, noch Evakuierungspläne vorhanden waren, zu verhindern, gründete die IOC im Juni eine Gruppe, die das Frühwarnsystem koordinieren soll und aus einem noch zu errichtenden Netzwerk von nationalen Systemen besteht, das durch eine regionale Basis verbunden ist.  

Finanzielle Möglichkeiten müssen ebenfalls verbessert werden, um sofortige Interventionen, die gerechte Finanzierung zur Krisenbekämpfung und die Bereitstellung von Geldern zur schnellen Beseitigung von Risiken zu gewährleisten. Die Stärkung des Potentials des humanitären Systems erfordert sowohl die Erweiterung der Mechanismen, die einen gezielten und erfolgversprechenden Einsatz garantieren, als auch die Nutzung vorhandener Erfahrungen zur Erweiterung der Einsatzbasis.

Nach dem Bericht des UNO-Generalsekretärs zur Stärkung der Koordinierung humanitärer Hilfe sollte sich diese jedoch nicht nur auf Notmaßnahmen nach Katastrophen reduzieren. Die internationale Gemeinschaft muss weiter gehen. Eine der wichtigsten Aufgaben ist die systematische Entwicklungsarbeit für künftige Schadensbegrenzung in Post-Konfliktgebieten und Regionen, die eine Katastrophe durchlebt haben. In Anerkennung der aussergewöhnlichen Anstrengungen der Vereinten Nationen und der humanitären Weltgemeinschaft in den Wochen nach dem Tsunami, warnte der ehemalige US-Präsident und jetzige Sonderbotschafter des UNO-Generalsekretärs für den Wiederaufbau nach dem Tsunami, Bill Clinton, dass die schwierigsten Tage beim Wiederaufbau, der Katastrophenverhütung und der Anwendung der gelernten Lektionen noch vor uns liegen.

Laut Egeland, der auch Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen ist, ist die Anzahl der Notsituationen, die eine weltweite Intervention erfordern, in letzter Zeit erheblich gestiegen. Finanzielle Unterstützung muss berechenbarer und zeitgerecht sein. Maßnahmen, die einen sofortigen Zugriff auf Startkapital erlauben, müssen ergriffen oder Geld für unvorhergesehene Entwicklungen im Voraus bereitgestellt werden. Ein anderer Schlüssel zum Übergang zu gezielter Entwicklung nach Konflikten und Katastrophen ist nationale Verantwortung für humanitäre Belange, wo die Herausforderung darin besteht, kurz- und langfristige Anstrengungen aufeinander abzustimmen. Bessere Koordination ist speziell von nationalen Behörden gefordert, adäquate Finanzierung muss so früh wie möglich gesichert sein, und eine aktive Vorbereitung sowie ein höherer Grad der Risikominimierung erreicht werden. Das ist der einzige Weg für die internationale Gemeinschaft, auf diese Übergangssituationen nach Konflikten und Katastrophen besser reagieren zu können, die den Schlüsselprozess für eine weitere globale Stabilisierung darstellen.

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