Presseaussendungen

UNIS/NAR/939
1 März 2006      

INCB fordert Änderung bei Alternativer Entwicklung

WIEN, 1. März (UNO-Informationsdienst)  --  Die internationale Gemeinschaft muss ihr Konzept für die Alternative Entwicklung umdenken, damit diese als internationale Strategie zur Bekämpfung des Drogenmissbrauchs erfolgreich eingesetzt werden kann, stellt der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) im ersten Abschnitt seines heute veröffentlichten Jahresberichts fest.

Obwohl der Rat bemerkt, dass die Alternative Entwicklung in bestimmten Fällen Erfolge in der Verringerung der Anbauflächen illegaler Suchtstoffe gebracht hat, stellt er jedoch die wesentlichen Schwächen der klassischen Vorgehensweise in den Vordergrund. Das derzeitige Konzept der Alternativen Entwicklung konzentriert sich nur auf Ersatzanbauprojekte, anstatt auf breiter festgelegte legitime Einkommensmöglichkeiten. Ebenso beschränkt es sich auf vereinzelte Projekte, anstatt die gesamte Wirtschaft eines Landes anzusprechen; berücksichtigt nicht die internationalen Handelsbedingungen und vernachlässigt städtische Gebiete und das Problem des Drogenmissbrauchs. 

"Dieser eindimensionale Ansatz hat nicht die erwünschten Ergebnisse gezeitigt, sagte Hamid Ghodse, Präsident des INCB. "Ein wirklich umfassendes Konzept Alternativer Entwicklung beschränkt sich nicht auf den Anbau alternativer landwirtschaftlicher Produkte, sondern umfasst auch die Entwicklung von Verkehrswegen und Infrastruktur, Bildungsmaßnahmen, das Gesundheitswesen, Sicherheit, Stabilität und verantwortungsbewusste öffentliche Strukturen", fügte er hinzu.  Alternative Entwicklung bringt ganzheitliche legitime Alternativen für Menschen, deren einziger Broterwerb bisher von Drogengeschäften kam.

Eine auf individuelle landwirtschaftliche Entwicklungsprojekte beschränkte Umsetzung der Alternativen Entwicklung in isolierten Gebieten kann laut INCB der Drogenbekämpfung im größeren Maßstab nicht dienlich sein.  Die Alternative Entwicklung ist aus den engen Grenzen der "Einzelprojektstrategie" herauszulösen und als eine Aufgabe zu sehen, die die verschiedensten Bereiche und eine Vielzahl von Akteuren auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene einbeziehen muss.  "Wahrscheinlich lässt sich das weltweite Drogenproblem nur dann wirksam beeinflussen, wenn die Alternative Entwicklung bewirkt, dass die Bedürfnisse vieler anderer am Drogenmissbrauch beteiligter Gruppen berücksichtigt werden", sagte Professor Ghodse.  

Der INCB fordert, die Nachhaltigkeit legitimer Einkommensmöglichkeiten zu sichern, wobei vor allem Fragen internationaler Zölle und Handelsbedingungen zu berücksichtigen sind. Die Mitgliedstaaten sollen ihre nationale und internationale Handelspolitik so formulieren, dass der Marktzugang für Produkte der Alternativen Entwicklung verbessert wird.

Der Rat schlägt vor, dass die Prinzipien der Alternativen Entwicklung, im weitesten Sinn, bei gesellschaftlich marginalisierten Gruppen sowohl in städtischen Gebieten als auch in entlegenen ländlichen Gebieten angewendet werden sollten. Dies würde aufgrund der symbiotischen Beziehung zwischen Angebot und Nachfrage zu größeren Erfolgen führen als bei Beschränkung auf eine dieser Regionen. 

Drogenschmuggel per Post im Steigen begriffen

In seinem Jahresbericht appelliert der Rat an die einzelnen Regierungen, ihre nationale Gesetzgebung diesbezüglich zu verschärfen und alle Postwege sowohl ins Ausland als auch aus diesem zu überwachen. Der Drogenschmuggel auf dem Postweg stellt für die Strafverfolgung eine massive Bedrohung dar und ist seit Jahren im Steigen begriffen. Der Rat empfiehlt auch, dass die Kontrollmaßnahmen auf die Räumlichkeiten internationaler Kurierdienste ausgedehnt werden sollen und schlägt vor, die Anzahl der Übernahmestellen zu limitieren, um die Überwachung wirksamer durchführen zu können.

In den letzten fünf Jahren kam es in nahezu allen Teilen der Welt zu einer Zunahme derartiger Aktivitäten. Neben Kokain und Heroin werden auch pharmazeutische Produkte, die einer internationalen Kontrolle unterworfene Substanzen enthalten, sowie MDMA (Ecstasy) und GHB (flüssiges Ecstasy) auf dem Postweg geschmuggelt.  MDMA, allgemein bekannt als "Ecstasy", ist unter jungen Erwachsenen beliebt. Oft wird es in Bars und Nachtclubs oder auf Parties verkauft. Zusätzlich zur chemischen Stimulation unterdrückt die Droge Berichten zufolge auch das Ess-, Trink- und Schlafbedürfnis. Wenn Ecstasy auf Parties genommen wird, wo viel getanzt wird, verursacht die Droge beim Konsumenten eine massive Dehydrierung und Hitzschlag, da die Überhitzung des Körpers nicht mehr ins Gehirn weitergeleitet wird. GBH ist ebenfalls bei Teenagern und jungen Erwachsenen in Diskotheken und auf Parties beliebt.  GHB hat auch dadurch traurige Berühmtheit erlangt, dass es bei Einnahme dieser Droge vermehrt zu sexuellen Übergriffen kommt, was daher die Verfolgung ihrer  Händler umso notwendiger macht.

Rasante Zunahme bei illegaler Methamphetamin-Herstellung 

Der Rat ist alarmiert über die rasante Zunahme bei der illegalen Herstellung von Methamphetaminen. Neben dem raschen Anstieg in Nordamerika und Südostasien greift dieser auch auf andere Regionen wie Afrika, Osteuropa und Ozeanien über. Die Tendenz wird dadurch begünstigt, dass es Händlern immer häufiger gelingt, Ephedrin und Pseudoephedrin, die wichtigsten Vorläufersubstanzen von Methamphetamin, aus legalen Vertriebeskanälen abzuzweigen.

Bosnien und Herzegowina nimmt nationale Drogengesetzgebung an

Der Rat begrüßt die Annahme eines umfassenden Gesetzes zur Drogenbekämpfung durch das Parlament von Bosnien und Herzegowina. Viele Jahre hindurch gab es in diesem Land keine einschlägige Gesetzgebung auf gesamtstaatlicher Ebene. Dies war auch einer der Hauptgründe für die kaum vorhandene Koordination  im Bereich der Drogenbekämpfung zwischen den Behörden der beiden Teilstaaten, der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Serbischen Republik.  "Bosnien und Herzegowina hat damit den ersten Schritt in Richtung Erfüllung seiner Verpflichtungen nach den internationalen Drogenabkommen gesetzt", sagte Professor Ghodse. "Nun gilt es sicherzustellen, dass das Land auf dem eingeschlagenen Weg weitergeht und das Gesetz in entsprechender Weise in die Praxis umsetzt."

Regionale Schwerpunkte

Der Bericht behandelt regionenweise die wesentlichen Trends, sowohl beim Drogenmissbrauch, als auch beim Drogenhandel. Der Rat stellt fest, dass in Afghanistan die Schmuggelrouten, auf denen die Vorläufersubstanz essigsaures Anhydrid ins Land gelangt, schwer feststellbar sind. Die Vorläufersubstanz wird in großen Mengen für die Erzeugung von illegalem Heroin benötigt. Afghanistan hat weder einen legalen Bedarf an, noch eine legale Einfuhr von essigsaurem Anhydrid, was auf einen Handel dieser Vorläufersubstanz ins Land hinweist. 

In Europa, stellt der Rat fest, ist die Gesamtmenge an beschlagnahmten Kokain noch immer im Steigen begriffen. Der steigende Bedarf an Behandlungsmöglichkeiten für Kokainsüchtige in Westeuropa zeigt, dass Kokainmissbrauch weit verbreitet ist. Untersuchungen zeigen,  dass die jährliche Kokainmissbrauchsrate unter Jugendlichen in Dänemark, Deutschland, Spanien, dem Vereinigten Königreich, sowie in manchen Regionen in Österreich, Griechenland, Irland und Italien von Jahr zu Jahr steigt. In den Niederlanden und in Spanien rangiert Kokain nach Heroin laut Berichten der einschlägigen Behandlungszentren an zweiter Stelle.

Anmerkung für Chefredakteure:

Der Jahresbericht des Internationalen Suchtstoffkontrollrates (INCB) wird in Wien am Dienstag, den 28. Februar 2006 um 11.00 Uhr veröffentlicht. Der Bericht hat eine Sperrfrist bis 00:01 Uhr GMT, 1. März 2006. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte Frau Jaya Mohan, Associate Information Officer, UNIS, ( jaya.mohan@unvienna.org  oder Tel: ++43 1 26060 4448)

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