Presseaussendungen

UNIS/OUS/001 
19. Juli 2007

UNCTAD-Bericht 2007 über die am wenigsten entwickelten Länder

Armutsverringerung durch technologischen Fortschritt

Wissenschaft, Technologie und Innovation sind unerläßlich für die 50 ärmsten Länder der Welt und kein Luxus

WIEN / GENF, 19. Juli 2007 (UNO-Informationsdienst) -- Wenn es den Unternehmen und landwirtschaftlichen Betriebe in den am wenigsten entwickelten Länder nicht gelingt, das notwendige Wissen und die Technologie zu erhalten, um den Rest der Welt einzuholen, werden die 50 ärmsten Länder nicht in der Lage sein, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zur Armutsverringerung zu erreichen, warnt der UNCTAD-Bericht 2007 über die am wenigsten entwickelten Länder (Least Developed Countries Report 2007).

Die meisten der ärmsten Länder haben ihre Wirtschaft liberalisiert und sind nun stark in die Weltwirtschaft integriert. Doch selbst wenn diese Länder von steigenden Exporten und ausländischen Direktinvestitionen profitieren, gelingt es ihnen nicht, sich auf wirtschaftlicher und technologischer Ebene weiterzuentwickeln. Ihre Wirtschaft hängt weiterhin von einfachen Primär- und Industriegüter ab, die mit wenig Wissens- und Technologieaufwand produziert werden und nur wenig Mehrwert schaffen.

Der UNCTAD-Bericht warnt vor dem derzeitigen Muster der wirtschaftlichen Liberalisierung ohne Lernen und der globalen Integration ohne Innovation. Dieses Muster, so der Bericht, wird zu der Marginalisierung der 767 Millionen Menschen führen, die heute in den am wenigsten entwickelten Ländern leben.

Die am wenigsten entwickelten Länder müssen Armut durch Innovation verringern, argumentiert der UNCTAD-Bericht. Wissen und Technologie wird für die Produktion und den globalen Wettbewerb immer wichtiger. Doch genau dies sind die Bereiche, in denen diese Länder die größten Schwächen und den größten Nachholbedarf haben. Ihre heimischen Unternehmen und Landwirtschaftsbetriebe haben sehr schwache technologische Kompetenzen und technische Fähigkeiten. Außerdem haben sie keine oder wenige effektive Institutionen, die neue Technologien erwerben und verbreiten.

In den letzten Jahren haben die steigenden Rohstoffpreise in einigen der ärmsten Ländern zu einem relativ hohen Wirtschaftswachstum beigetragen. Der UNCTAD-Bericht meint jedoch, dass solches Wachstum nicht nachhaltig ist, wenn es die Länder nicht schaffen, ihre produktiven Kapazitäten zu entwickeln und ihre Wirtschaft zu diversifizieren, indem sie neues Wissen und neue Technologien in der Landwirtschaft, der Industrie und dem Dienstleistungsbereich anwenden.

Wissenschaft, Technologie und Innovation sind wichtig, selbst in den ärmsten Ländern

Es wird nicht erwartet, dass die ärmsten Länder an der Vorderfront der Technologienentwicklung stehen. Sie sollten aber stets darum bemüht sein, Technologien zu entwickeln, zu verbessern und anzuwenden, die neu für ihr Land oder ihre Unternehmen sind. Sehr wichtige Innovationen passieren auch im Kleinen; sie werden durch die Einführung von neuen Produktionsprozessen oder Produkten angestoßen.

Diese Art der Innovation, die wirtschaftliche Diversifizierung und Produktivitätswachstum sowie technologische Verbesserungen ermöglicht, ist in den weniger entwickelten Ländern von größter Bedeutung. Innovatives Unternehmertum birgt zwar hohe Risiken, kann aber letztlich auch hohen Gewinn abwerfen. Beispiele dafür sind der Unternehmer in Bangladesh, der in den achtziger Jahren anfing Textilprodukte für den Export zu fertigen und von anderen Unternehmern nun imitiert wird; ebenso der Unternehmer in Mauretanien, der in den neunziger Jahren begann, Kamelkäse für den Export in die Europäische Union zu exportieren; oder die Kleinbauern in Malawi, die anfingen, mit dem Anbau von ertragreicheren Maissorten zu experimentieren.

Von dieser größeren Perspektive aus betrachtet sind Wissenschaft, Technologie und Innovation für die ärmsten Länder unerläßlich und kein Luxus. Die landwirtschaftliche Produktivität ist in den meisten dieser Länder sehr gering. Die Bevölkerung wächst rapide während die durchschnittliche Größe der landwirtschaftlichen Betriebe schrumpft. Weniger Menschen finden produktive Beschäftigung in der Landwirtschaft und immer mehr Menschen entschließen sich deshalb Arbeit außerhalb des landwirtschaftlichen Sektors zu suchen. Um eine nachhaltige Armutsverringerung zu erzielen, müssen diese Länder produktive Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen, die Haushalten ein ausreichendes Einkommen sichern. Das ist nur möglich, wenn diese Länder wissenschaftliche Methoden und neue Technologien anwenden, um die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern und die Diversifizierung im Industrie- sowie dem Dienstleistungssektor vorantreiben. Schwache technologische Fähigkeiten verbauen Möglichkeiten, die sich bieten, wenn andere Länder ihre Märkte öffnen.

Reiche Länder, wie die Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) - aber auch mehr und mehr Entwicklungsländer - haben eine aktive Wissenschafts-, Technologie- und Innovationspolitik. Die ärmsten Länder haben im Gegensatz dazu eine solche Politik nur äußerst selten verfolgt, obgleich sie in eben diesem Bereich einen besonders großen Nachholbedarf haben. Sie brauchen neue Technologien schließlich auch, um der Herausforderung des Klimawandels gerecht zu werden und seine negativen Folgen zu verringern.

Integration in globale Märkte trägt nicht zum Technologietransfer in die ärmsten Länder bei

Es wird üblicherweise argumentiert, dass die Öffnung für internationalen Handel und Investitionen einen Technologietransfer in Entwicklungsländer ermöglicht und sogar ermutigt. Der UNCTAD-Bericht zeigt jedoch auf, dass solche Technologietransfers in die am wenigsten entwickelten Länder kaum stattfinden:

  • Die Investitionen in importierte Maschinen und Ausrüstung - ein Hauptkanal für die Einführung neuer Technologie - liegen nur etwa halb so hoch wie bei anderen, fortgeschrittenen Entwicklungsländern.
  • Die Teilnahme an internationalen Wertschöpfungsketten, in denen Produkte durch zahlreiche Schritte von Rohmaterial zu ausgefeilten Endprodukten verarbeitet werden, transferiert kaum Technologie in die ärmsten Länder. Der vorliegende Bericht analysiert 24 Wertschöpfungsketten, in die die ärmsten Länder integriert sind. Diese haben in neun dieser Ketten - was etwa 18% ihrer Güterexporte entspricht - ihre Spezialisierung in höherwertigen Produkten ausgebaut. In 12 dieser Ketten - was etwa 52% ihrer Güterexporte entspricht - haben sie jedoch eine zunehmende Spezialisierung in niederwertigen Produkten zu verzeichnen.
  • Es wird erwartet, dass ausländische Direktinvestitionen zu einem Technologie- und Wissenstransfer zugunsten einheimischer Firmen führen. In den ärmsten afrikanischen Ländern sind ausländische Direktinvestitionen hauptsächlich in der Erdölförderung zu finden, die sich durch wenige und schwache Verbindungen mit der heimischen Industrie auszeichnet. Doch auch in den ärmsten asiatischen Ländern, wo ausländische Direktinvestitionen hauptsächlich in der textilverarbeitenden Industrie zu finden sind, gibt es kein Anzeichen für einen Technologie- und Wissenstransfer zu heimischen Unternehmen.
  • Eine weitere Art des Technologie- und Wissenstransfers ist der Erwerb von Lizenzen zum Kopieren von Produkten. In den ärmsten Ländern sind Lizenznahmen jedoch sehr selten. In diesen Ländern stagnieren sie seit den neunziger Jahren. Heute sind die Pro-Kopf Ausgaben der am wenigsten entwickelten Länder für solche Lizenzen 80-mal kleiner als in anderen, fortgeschritteneren Entwicklungsländern.

Die Herausforderung hat nationale und internationale Dimensionen

Der UNCTAD-Bericht empfiehlt, dass die ärmsten Länder, ähnlich wie Industriestaaten, eine aktive Politik zur Förderung von Wissenschaft, Technologie und Innovation verfolgen. Solch eine Politik wurde in den achtziger und neunziger Jahren von Strukturanpassungsprogrammen beiseite gedrängt. Doch auch nationale Pläne zur Armutsverringerung haben es bislang versäumt, Wissenschafts- und Technologiepolitik zu integrieren. Die Wissenschafts- und Technologiepolitik der ärmsten Länder muss natürlich den Gegebenheiten dieser Ländern angepasst werden, insbesondere der wirtschaftlichen Struktur und dem technologischen Ausgangspunkt. Der Bericht unterstreicht, dass es keinen einheitlichen politischen Ansatz gibt, der für alle Länder der richtige wäre.

Die Verbesserung der Infrastruktur, des Humankapitals und des Finanzsystems sind entscheidend, da viele arme Länder am Beginn stehen, wirtschaftlich aufzuholen, und größere Defizite in eben diesen Bereichen haben. Darüber hinaus müssen makroökonomisache Maßnahmen angemessene Ressourcen zur Investition zur Verfügung stellen und Unternehmen fördern. Ohne Verbesserungen in diesen Grundlagen der Entwicklung wird es keinen technologischen Fortschritt geben.

Weiterhin unterstreicht der Bericht, dass die ärmsten Länder ihre landwirtschaftliche Produktivität, insbesondere im Bereich von Grundnahrungsmitteln durch eine neue "Grüne Revolution" steigern müssen. Sie müssen das Wachstum heimischer Unternehmen fördern, indem sie landwirtschaftlichen und anderen Unternehmen Zugang zu neuem Technologien verschaffen und Arbeitskräfte in der Entwicklung ihrer technischen Fähigkeiten unterstützen. Ferner müssen sie darauf achten, dass internationaler Handel und internationale Investitionen zu Technologietransfer führen. Ebenso müssen sie wirtschaftliche Diversifikation durch Verbindungen zwischen verschiedenen wirtschaftlichen Akteuren und Aktivitäten schaffen und den Export erhöhen.

Nationale Anstrengungen müssen jedoch von internationalen Anstrengungen begleitet werden. So muss der Schutz des geistigen Eigentums den Bedürfnissen der ärmsten Länder besser angepasst werden. Die Emigration hochqualifizierter Arbeitskräfte aus den armen Ländern in Industriestaaten muss eingeschränkt werden. Auch muss die offizielle Entwicklungsunterstützung zur Förderung von Wissenschaft, Technologie und Innovation in den armen Ländern deutlich erhöht werden. Diese notwendigen Maßnahmen bedürfen der Zusammenarbeit und Koordination zwischen den ärmsten Ländern und ihren Entwicklungspartnern.

Den Schwerpunkt auf eine wissensgestützte Entwicklung zu legen, kann den Grundstein für eine gestärkte und vorwärtsschauende Entwicklungspartnerschaft in den am wenigsten entwickelten Ländern legen. Der Bericht zieht das Fazit, dass weithin das Gefühl herrscht, dass der heutige entwicklungspolitische Ansatz ineffektiv ist und der Wunsch nach einem neuen Modell besteht. Den Schwerpunkt auf Wissenschaft, Technologie und Innovation zu legen, verspricht innovative Lösungen und frisches Denken, so der Bericht. Es ist in diesen Bereichen, in denen effizientere Maßnahmen zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung und der Armutsverringerung aufgetan werden können.  

       Publikationsbezug:
Der englischsprachige Bericht The Least Developed Countries Report 2007: Knowledge, Technological Learning and Innovation for Development (Sales No. E.07.II.D.8, ISBN 978-92-1-112717-1) kann in vielen Ländern von Verkaufsstellen von UNO-Publikationen bezogen werden. Preis: 50 USD, Sonderpreis: 18 USD in Entwicklungs- und Transformationsstaaten. Bestellungen oder Anfragen richten Sie bitte an United Nations Publication/Sales Section, Palais des Nations, CH-1211 Geneva 10, Switzerland, Fax: +41 22 917 0027, E-mail: unpubli@un.org

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