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UNIS/INF/392
4. November 2010

2010 Bericht über die menschliche Entwicklung: 40 Jahre Trendanalyse zeigt, dass arme Länder schnellere Entwicklungsfortschritte machen

20. Bericht des UNO-Entwicklungsprogramms findet Langzeitforschritt in Gesundheit, Bildung unabhängig vom Einkommen; und bringt neue Hinweise bezüglich Geschlechter, Armut, Ungleichheit

NEW YORK/WIEN, 4. November (UNO-Informationsdienst) - Die meisten Entwicklungsländer machten in den letzten Jahrzehnten einen drastischen und oft unterschätzten Fortschritt in Gesundheit, Bildung und Mindestlebensstandards. Die neue detaillierte Analyse über Langzeittrends des Index der menschlichen Entwicklung (HDI - Human Development Index) im Bericht über die menschliche Entwicklung 2010 (Human Development Report), der heute in New York veröffentlicht wird, zeigt, dass einige der ärmsten Länder die größten Gewinne verzeichneten.

Nichtsdestotrotz variieren die Erfolge sehr stark. Manche Länder fallen laut Bericht seit 1970 zurück. Die 20-Jahr-Jubiläumsausgabe des Berichts stellt drei neue Indizes vor und dokumentiert große Ungleichheiten in und zwischen Ländern, zwischen Frauen und Männern bei einer Reihe von Entwicklungsindikatoren und verbreitete extreme multidimensionale Armut in Südasien und Afrika südlich der Sahara.

Der Bericht über die menschliche Entwicklung, der seit 1990 jährlich vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) in Auftrag gegeben wird, ist von diesem redaktionell unabhängig.

Der Bericht von 2010 "Der wahre Reichtum der Nationen: Wege zur menschlichen Entwicklung", wurde heute von Generalsekretär Ban Ki-moon, UNDP Administrator Helen Clark und Nobelpreisträger Amartya Sen, die den verstorbenen Gründer der Serie, Mahbub ul Haqbei bei der Planung des HDI für den ersten Bericht über die menschliche Entwicklung im Jahr 1990 unterstützt hatten, vorgestellt. Der Bericht über die menschliche Entwicklung und der Index der menschlichen Entwicklung (HDI) haben rein ökonomische Maßstäbe nationaler Errungenschaften in Frage gestellt und halfen, die konzeptionelle Basis für die Milleniums-Entwicklungsziele der UNO zu legen, indem sie für gleichmäßige globale Beobachtung von Fortschritt in Gesundheit, Bildung und Mindestlebensstandards eingetreten sind.

"Die Berichte über die menschliche Entwicklung haben die Art und Weise wie wir die Welt sehen verändert", sagte Ban Ki-moon heute. "Wir haben gelernt, dass, obwohl wirtschaftliches Wachstum sehr wichtig ist, es darauf ankommt, dass nationales Einkommen dazu verwendet wird, allen Menschen eine Chance auf ein längeres, gesünderes und produktiveres Leben zu geben.

Der erste Bericht über die menschliche Entwicklung führte den bahnbrechenden HDI ein und analysierte Entwicklungsindikatoren der vorherigen Jahrzehnte. Er kam zu dem Schluss, dass "keine automatische Verbindung zwischen Wirtschaftswachstum und menschlichem Forschritt besteht". Die rigorose Bewertung von Langzeittrends im Bericht 2010, die auf HDI Indikatoren der meisten Länder seit 1970 zurückblickt, zeigt, dass es keine gleichbleibende Korrelation zwischen nationaler Wirtschaftsleistung und Erfolgen in den nicht-einkommensrelevanten HDI-Bereichen der Gesundheit und Bildung gibt.

Helen Clark sagte: "Der Bericht zeigt, dass Menschen heute gesünder, wohlhabender und besser gebildet sind als je zuvor. Obwohl nicht alle Trends positiv sind, können Länder viel tun, um das Leben der Menschen zu verbessern, sogar in widrigen Verhältnissen. Dazu braucht es eine mutige lokale Führung sowie das anhaltende Bemühen der internationalen Gemeinschaft."

Im Großen und Ganzen zeigt die Analyse jener Länder, von denen komplette HDI-Daten aus den letzten 40 Jahren vorhanden waren, dass die Lebenserwartung von 59 Jahren im Jahr 1970 auf 70 Jahre im Jahr 2010 gestiegen ist, dass der Schulbesuch der Kinder im Volksschul- und Mittelschulalter von nur 55 Prozent auf 70 Prozent gestiegen ist und dass sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf mehr als 10.000 US-Dollar verdoppelt hat. Menschen aller Regionen haben an diesem Fortschritt teilgehabt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Lebenserwartung beispielsweise stieg in den Arabischen Staaten zwischen 1970 und 2010 um 18 Jahre und vergleichsweise nur um 8 Jahre in Afrika südlich der Sahara. Jene 135 Länder die untersucht wurden beherbergen 92 Prozent der Weltbevölkerung.

"Unsere Ergebnisse bestätigen durch neue Daten und Analysen seit Beginn zwei zentrale Argumente des Berichts über die menschliche Entwicklung: Menschliche Entwicklung und Wirtschaftswachstum sind zwei unterschiedliche Dinge; substanzielle Errungenschaften sind auch ohne schnelles Wachstum möglich", sagte Jeni Klugman, der leitende Autor. "Wir haben auch neue Einblicke in die Länder, die am besten abgeschnitten haben, bekommen, sowie in die unterschiedlichen Erfolgsmuster."

Die im Bericht 2010 hervorgehobene Liste der "Top 10 Aufsteiger" - jene Länder unter den 135 die sich in Bezug auf den HDI in den letzten 40 Jahren am meisten verbessern konnten - wurde vom Oman angeführt, der Energiegewinne in Bildung und Gesundheitswesen investierte.

Die anderen neun "Top Aufsteiger" sind China, Nepal, Indonesien, Saudi-Arabien, Laos, Tunesien, Südkorea, Algerien und Marokko. Bemerkenswerterweise war China das einzige Land, das es lediglich aufgrund der Einkommensleistung in die Top 10 Liste geschafft hatte. Die Hauptantriebsfaktoren der HDI-Errungenschaften waren Gesundheit und Bildung. Unter den nächsten zehn Führenden in der Verbesserung des HDI über die letzten 40 Jahre finden sich mehrere Niedrigeinkommensländer mit guten HDI-Werten, die aber "nicht typischerweise als Erfolgsgeschichten beschrieben werden", so der Bericht. Darunter Äthiopien (Nr. 11), Kambodscha (Nr. 15) und Benin (Nr. 18) - alles Länder, die große Fortschritte in der Bildung und im Gesundheitswesen gemacht haben.

Innerhalb des Schemas des gesamtglobalen Fortschritts ist der Unterschied zwischen den Ländern eklatant: Über die letzten 40 Jahre haben jene 25 Prozent mit der niedriegsten Leistung weniger als 20 Prozent Fortschritt in der HDI-Leistung verzeichnet, während die Länder mit der besten Leistung eine Verbesserung von 54 Prozent erzielten. Trotzdem hat sich die Gruppe der Länder im letzten Viertel auf der HDI-Skala aus dem Jahr 1970 mit einer durschnittlichen Steigerung von 61 Prozent schneller verbessert als jene Länder, die damals an der Spitze standen. Die unterschiedlichen nationalen Entwicklungswege, die im Bericht dokumentiert sind, zeigen, dass es keine einzelne Formel für nachhaltigen Fortschritt gibt, betonen die Autoren.

Die Region mit dem schnellsten HDI-Fortschritt seit 1970 war Ostasien, angeführt von China und Indonesien. Die arabischen Länder haben ebenfalls große Gewinne verzeichnet, mit 8 von 20 führenden Ländern weltweit bei der Verbesserung des HDI in den letzten 40 Jahren. Viele Länder Afrikas südlich der Sahara und der ehemaligen Sowjetunion liegen aufgrund der Auswirkungen von Aids, Konflikten, ökonomischen Umwälzungen und anderen Faktoren zurück. Die Lebenserwartung ging in drei Ländern der früheren Sowjetunion (Belarus, Ukraine und Russische Föderation) und in sechs Ländern Afrikas südlich der Sahara (Kongo, Lesotho, Südafrika, Swasiland, Sambia, Simbabwe) in den letzten 40 Jahren zurück.

Der vorherrschende Trend in der Lebenserwartung zeigt weltweit, dass sich die durchschnittliche Lebensspanne in den meisten armen Ländern an jene der Industriestaaten annähert. In Bezug auf das Einkommen zeigt sich, dass die meisten reichen Länder zunehmend reicher werden, während nachhaltiges Wachstum die meisten armen Länder nicht erreicht.

"Wir sehen große Fortschritte, aber der Wandel über die letzten paar Jahrzehnte war in keiner Weise nur positiv", schreiben die Autoren. "Manche Länder haben ernste Rückschritte erlitten, vor allem im Gesundheitsbereich. Manchmal wurden in wenigen Jahren die Fortschritte, die über mehrere Jahrzehnte gemacht wurden, wieder zunichte gemacht. Das Wirtschaftswachstum war sehr ungleich, sowohl in Ländern, die schnelles Wachstum verzeichnet haben, als auch in Gruppen, die vom nationalen Fortschritt profitiert haben. Die Unterschiede in der menschlichen Entwicklung werden zwar weltweit kleiner, bleiben aber dennoch riesig."

2010 HDI einschließlich neuer Hinweise auf Ungleichheit, Geschlechter und Armut

Der Bericht beinhaltet dieses Jahr neue 2010 HDI-Bewertungen mit einigen modifizierten Schlüsselindikatoren. Die Top 10 Länder im Jahr 2010 sind Norwegen, Australien, Neuseeland, die Vereinigten Staaten, Irland, Lichtenstein, die Niederlande, Kanada, Schweden und Deutschland. Am Ende der 2010 HDI-Bewertung von 169 Ländern liegen in folgender Reihenfolge: Mali, Burkina Faso, Liberien, Tschad, Guinea-Bissau. Mosambik, Burundi, Niger, Kongo und Simbabwe.

Änderungen in der Länderplatzierung des HDI werden nun anstatt eines alljährlichen Vergleichs über einen fünfjährigen Vergleichszeitraum berichtet, um die Langzeitentwicklungen besser darstellen zu können. Die 2010 Bewertungen sind aufgrund metodologischer Verfeinerungen der HDI-Formel nicht direkt mit jenen der vorhergehenden Berichte vergleichbar.

Der 2010 Bericht über die menschliche Entwicklung setzt die HDI-Tradition der neuen Messmethoden fort, indem er neue Indizes einführt, welche wichtige Entwicklungsfaktoren berücksichtigen, die nicht direkt im HDI enthalten sind.

Der Ungleichheit-einbeziehende HDI (Inequality-adjusted HDI - IHDI)

Zum ersten Mal untersucht der diesjährige Bericht die HDI-Daten mit Berücksichtigung der Ungleichheit und passt HDI-Werte an, um Unterschiede in Einkommen, Gesundheit und Bildung zu reflektieren. "Der HDI alleine, als eine Summe nationaler Mittelwerte, verdeckt Unterschiede innerhalb der Länder. Die Anpassungen für Ungleichheiten bieten ein umfassenderes Bild des Wohlergehens der Menschen", sagt Jeni Klugman.

Der Index für geschlechtsspezifische Ungleichheit (The Gender Inequality Index - GII)

Der 2010 Bericht führt eine neue Messmethode für geschlechtsspezifische Ungleichheiten ein, darunter die Sterblichkeitsraten von Müttern und die Repräsentation von Frauen im Parlament. "Der Index für geschlechtsspezifische Ungleichheit soll die negative Wirkung von großen sozialen und ökonomischen Unteschieden zwischen Mann und Frau auf die menschliche Entwicklung messen," sagt Klugman. Der GII berechnet nationale HDI-Verluste durch Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern von den Niederlanden (die größte Gleichheit in Bezug auf den GII) bis zum Jemen (die größte Ungleichheit).

• Der Indes für mehrdimensionale Armuts (Multidimensional Poverty Index - MPI)

Der Bericht weist eine neue Messmethode für mehrdimensionale Armut auf, welche die einkommensbezogene Armutsevaluierung ergänzt, in dem multiple Faktoren auf Haushaltsebene, wie Mindestlebensstandards, Bildungszugang, sauberes Wasser und Gesundheitswesen miteinbezogen werden. Um die 1,7 Milliarden Menschen - ein Drittel der Bevölkerung in den 104 Ländern die im MPI aufscheinen - leben schätztungsweise in mehrdimensionaler Armut. Das sind mehr als die geschätzten 1,3 Milliarden, die von 1,25 US-Dollar oder weniger pro Tag leben.

Der 2010 Bericht verlangt nach weiterer Forschung und besseren Daten, um andere wichtige Aspekte der menschlichen Entwicklung zu evaluieren, darunter politische Mitwirkungsmöglichkeit und Umweltverträglichkeit.

Um weitere Innovationen zum 20-Jahr-Jubiläum des Berichts anzuregen, hat das Büro des Berichts über die menschliche Entwicklung die Internetseite erneuert ( hdr.undp.org), um einige Resourcen erweitert, statistische Länderprofile aller UNO-Mitgliedstaten und interaktive Werkzeuge überarbeitet, einschließlich einer "Gestalte deinen eigenen Index"-Option für Besucher.

Amartya Sen schreibt in seiner Einleitung zum neuen Bericht: "Zwanzig Jahre nach der Erscheinung des ersten Berichts über die menschliche Entwicklung gibt es mit Blick auf das Erreichte viel zu feiern. Aber wir müssen auch wachsam bleiben und nach Wegen suchen, um seit langem bestehende Widrigkeiten besser einzuschätzen und neue Gefahren, die das Wohlergehen und die Freiheit der Menschen bedrohen, zu erkennen und darauf zu reagieren.

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In Wien wird am 25. November um 18 Uhr in den Räumlichkeiten der Österreichischen Gesellschaft für Außenpolitik und die Vereinten Nationen, Reitschulgasse 2/2, 1010 Wien, eine Podiumsdiskussion zum Bericht stattfinden. Eine separate Einladung zu dieser Veranstaltung wird in Kürze verschickt.

Weitere Informatioen zum 20-Jahr-Jubiläum des Berichts über die menschliche Entwicklung und Presseinformationen finden Sie unter more: hdr.undp.org

DER BERICHT: Seit seiner Einführung 1990 hat der Bericht über die menschliche Entwicklung neue Einblicke in manche der dringlichsten Herausforderungen der Menschheit gegeben. Der Bericht ist eine jährliche unabhängige Publikation des Entwicklungsprogrammes der Vereinten Nationen. Jeni Klubman ist der leitende Autor des 2010 Berichts, der in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde und der in mehr als 100 Ländern jährlich veröffentlicht wird. Der Bericht wird vom Palgrave Macmillan Verlag in Englisch publiziert. Vollständige Texte des 2010 Berichts und allen vorangegangenen Berichten seit 1990 können gratis in den Hauptsprachen der Vereinten Nationen heruntergeladen werden: hdr.undp.org

UNDP: Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ist das globale Entwicklungsprogramm der UNO, das sich für den Wandel einsetzt und Länder zum Austausch von Wissen, Erfahrungen und Ressourcen miteinander verbindet, und anderen Menschen somit hilft, ein besseres Leben zu führen. Wir sind in 166 Ländern vor Ort tätig, um gemeinsam an ihren eigenen Lösungen für eine nationale und globale Entwicklung zu arbeiten. Besuchen Sie unsere Homepage: www.undp.org

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Für weitere Informationen kontaktieren Sie :

Sonja Wintersberger
Deputy to the Director,
United Nations Information Service Vienna (UNIS)
Telefon: (+43-1) 26060-3430
Mobil: (+43-699) 1459-3430
Email: sonja.wintersberger@unvienna.org