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UNIS/INF/581
17. Juli 2022

Die Welt steht in Flammen. Wir brauchen eine Revolution
hin zu erneuerbaren Energien.

Der einzig gangbare Weg zu Energiesicherheit, stabilen Strompreisen, Wohlstand und einem bewohnbaren Planeten liegt in der Abkehr von umweltschädlichen fossilen Brennstoffen und in einer beschleunigten Energiewende auf der Grundlage erneuerbarer Energien.

Von António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen

Kaiser Nero soll die Lyra gespielt haben, während Rom in Flammen stand. Manche Führungsverantwortliche der Neuzeit treiben es schlimmer. Sie gießen Öl ins Feuer, und zwar buchstäblich. Während sich die Folgen des Einmarsches Russlands in der Ukraine auf die ganze Welt ausdehnen, reagieren einige Länder auf die wachsende Energiekrise, indem sie noch stärker auf fossile Brennstoffe setzen – sie stecken weitere Milliarden in Kohle, Erdöl und Erdgas, also genau in die Energieträger, die den Klimanotstand noch weiter verschärfen.

Unterdessen brechen die Klimaindikatoren weiter alle Rekorde und lassen eine Zukunft erwarten, in der es in weiten Teilen der Erde häufig zu heftigen Stürmen, Überschwemmungen, Dürren, Naturbränden und lebensfeindlichen Temperaturen kommen wird. Der Welt steht ein Klimachaos bevor. Weitere Mittel in die Erschließung fossiler Brennstoffe und die Infrastruktur zu ihrer Förderung zu stecken, ist widersinnig. Fossile Brennstoffe sind nicht die Antwort und werden nie die Antwort sein. Der Schaden, den wir unserem Planeten und unseren Gesellschaften zufügen, ist offensichtlich. Die Nachrichten sind jeden Tag voll davon, und niemand kann sich dem entziehen.

Fossile Brennstoffe sind die Ursache der Klimakrise. Erneuerbare Energien sind die Antwort. Durch sie können wir den Klimawandel eindämmen und die Energiesicherheit erhöhen. Hätten wir schon früher massiv in erneuerbare Energien investiert, sähen wir uns jetzt nicht wieder als Spielball der instabilen Märkte für fossile Brennstoffe. Die erneuerbaren Energien sind der Friedensplan für das 21. Jahrhundert, doch der Kampf um eine zügige und gerechte Energiewende wird nicht unter fairen Bedingungen ausgetragen. Fossile Brennstoffe genießen nach wie vor den Rückhalt von Investoren, und Regierungen leiten weiter milliardenschwere Subventionen in Kohle, Erdöl und Erdgas – etwa 11 Millionen US-Dollar pro Minute.

Für ein Verhaltensmuster, bei dem kurzfristige Erleichterung dem langfristigen Wohl vorgezogen wird, gibt es eine Bezeichnung: Sucht. Wir sind immer noch von fossilen Brennstoffen abhängig. Unseren Gesellschaften und unserem Planeten zuliebe müssen wir davon loskommen, und zwar sofort. Der einzig gangbare Weg zu Energiesicherheit, stabilen Strompreisen, Wohlstand und einem bewohnbaren Planeten liegt in der Abkehr von umweltschädlichen fossilen Brennstoffen und in einer beschleunigten Energiewende auf der Grundlage erneuerbarer Energien.

Daher habe ich die Regierungen der G20-Staaten aufgefordert, die Kohleinfrastruktur so abzubauen, dass die OECD-Länder bis 2030 und alle anderen Länder bis 2040 den vollständigen Ausstieg vollzogen haben. Ich habe die Finanzakteure mit Nachdruck aufgefordert, die Finanzierung fossiler Brennstoffe zu beenden und in erneuerbare Energien zu investieren. Außerdem habe ich einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt, der erneuerbare Energien weltweit fördern soll.

Als Erstes müssen wir die Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien zu einem globalen öffentlichen Gut machen und dazu unter anderem die durch Rechte des geistigen Eigentums bedingten Hindernisse für den Technologietransfer ausräumen. Zweitens müssen wir den globalen Zugang zu den Lieferketten der Komponenten und Rohstoffe verbessern, die für Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien gebraucht werden.

2020 wurden weltweit 5 Gigawatt Batteriespeicherkapazität installiert. Bis 2030 benötigen wir 600 Gigawatt. Dies ist offensichtlich nur durch eine weltumspannende Koalition zu bewerkstelligen. Engpässe beim Transport und in den Lieferketten sowie höhere Kosten für Lithium und andere Batteriemetalle stehen der Nutzung dieser Technologien und Materialien gerade jetzt entgegen, wo wir sie am dringendsten brauchen.

Drittens müssen wir die Bürokratie abbauen, die Sonnen- und Windenergieprojekte verzögert. Es gilt, die Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und die Modernisierung der Stromnetze stärker voranzutreiben. In der Europäischen Union dauert die Genehmigung eines Windparks acht Jahre, in den Vereinigten Staaten zehn. In der Republik Korea müssen für Windenergieprojekte auf dem Festland 22 Genehmigungen von acht verschiedenen Ministerien eingeholt werden.

Viertens müssen weltweit die Energiesubventionen von fossilen Brennstoffen abgezogen und stattdessen in den Schutz besonders gefährdeter Menschen vor Energieschocks geleitet und in eine gerechte Wende hin zu einer nachhaltigen Zukunft investiert werden.

Fünftens müssen wir die Investitionen in erneuerbare Energien verdreifachen. Das gilt sowohl für multilaterale Entwicklungsbanken und Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen als auch für Geschäftsbanken. Sie alle müssen aktiv werden und ihre Investitionen in erneuerbare Energien drastisch erhöhen.

Ebenso müssen alle Führungsverantwortlichen auf globaler Ebene dem Thema mehr Dringlichkeit verleihen. Wir sind schon jetzt gefährlich nahe an dem Grenzwert von 1,5 °C, den die Erwärmung der Wissenschaft zufolge nicht überschreiten darf, wenn wir die schlimmsten Klimafolgen abwenden wollen. Um am 1,5 °C-Ziel festzuhalten, müssen wir die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent senken und die Nettoemissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null reduzieren. Bleibt es jedoch bei den derzeitigen Zusagen der einzelnen Staaten, so werden die Emissionen in diesem Jahrzehnt um fast 14 Prozent steigen. Die Katastrophe ist vorprogrammiert.

Erneuerbare Energien sind die Antwort – sie fördern Klimaschutz und Energiesicherheit und bieten umweltverträglichen Strom für die Hunderte Millionen Menschen, die ihn derzeit nicht haben. Mit den erneuerbaren Energien gewinnen wir also gleich dreifach.

Es gibt keine Ausrede mehr, eine Revolution hin zu erneuerbaren Energien abzulehnen. Während die Preise für Erdöl und Erdgas Rekordhöhen erreicht haben, werden die erneuerbaren Energien immer billiger. Die Kosten für Solarenergie und Batterien sind in den letzten zehn Jahren um 85 Prozent gefallen, die für Windenergie um 55 Prozent. Zudem schaffen Investitionen in erneuerbare Energien dreimal so viele Arbeitsplätze wie Investitionen in fossile Brennstoffe.

Natürlich sind erneuerbare Energien nicht das einzige Mittel gegen die Klimakrise. Ohne naturnahe Lösungen, wie etwa die Umkehr der Entwaldung und der Bodendegradation, wird es nicht gehen. Auch gilt es, die Energieeffizienz zu fördern. Dennoch muss ein schneller Übergang zu erneuerbaren Energien unser Ziel sein.

Unsere Abkehr von fossilen Brennstoffen wird zu einer enorm positiven Kraft werden, und das nicht nur für das Klima. Die Energiepreise werden niedriger und berechenbarer werden, was sich wiederum positiv auf die Ernährungs- und die Wirtschaftssicherheit auswirken wird. Steigen nämlich die Energiepreise, so steigen auch die Kosten für Nahrungsmittel und alle Güter, auf die wir angewiesen sind. Einigen wir uns also darauf, dass eine rasche Revolution hin zu erneuerbaren Energien unabdingbar ist, und hören wir auf, wie Nero tatenlos zuzusehen, während unsere Zukunft in Flammen aufgeht.

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Eine Version des Artikels wurde in Kleiner Zeitung am 17. Juli 2022 veröffentlicht.